Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Gewiß, sobald das Geld im Kasten klingt, können Gewinn und Habgier wachsen, aber die Fürbitte der Kirche steht allein auf dem Willen Gottes." (28. These)

Panorama

Luther und die Reformation in der Reichsstadt Goslar

Schon bald nach dem Bekanntwerden von Luthers Thesen gegen den Ablasshandel veränderte sich auch in Goslar das religiöse Klima. In Wittenberg und anderswo studierende Goslarer brachten – ebenso wie Kleriker und Lehrer – das neue Gedankengut in die Stadt. Bereits 1521 endet die lange Reihe der geistlichen Stiftungen; im Umfeld der Jakobikirche soll es erste evangelische Predigten gegeben haben. 1522 schreibt Luther einen Brief an einen Geistlichen in der Stadt.

Dank der Erträge aus dem erzreichen Rammelsberg lebte die Stadt im Wohlstand. Das änderte sich grundlegend, als Herzog Heinrich d.J. 1525 alte Rechte am Bergbau einforderte und damit der Stadt die Einnahmequelle entzog. So beschleunigte er wider Willen die reformatorischen Bestrebungen. Aus der Bevölkerung heraus wurden 1525 Forderungen an den Rat erhoben: "So das Wort Gottes nicht recht gepredigt wird, sollen abgesetzt werden Pfarrherren oder Prediger!"

Die Angst vor einer Besetzung durch den Herzog führte, angefeuert durch die antiklerikale Stimmung in der Bevölkerung, 1527 zur Zerstörung von vier Klosteranlagen vor den Toren Goslars durch die Einwohner. So geriet die Stadt unter Anklage beim Reichskammergericht. In seiner Not suchte der Rat einen geeigneten Reformator von außerhalb, denn keiner der über 60 Kleriker an den Pfarrkirchen hatte einen Abschluss in Theologie. Nach dem vergeblichen Versuch im Jahr 1527, Johannes Bugenhagen für Goslar zu gewinnen, gelang es schließlich 1528, Luthers Freund Nikolaus von Amsdorf beim Magdeburger Rat für einige Wochen auszuleihen. Am 14. März 1528 hielt er die erste offizielle lutherische Predigt in Goslar, außerdem entwarf er eine neue Gottesdienstordnung für die Pfarrkirchen. Als erster Superintendent wurde 1528 Johannes Amandus eingeführt. Er errichtete auf dem Gemeindehof eine Lateinschule im Sinne von Luthers Appell an alle Ratsherrn im deutschen Land, christliche Schulen einzurichten.

Damit war aber die Reformation in der Kaiserstadt keineswegs durchgesetzt. Der überwiegend altgläubige Rat schwankte nach wie vor zwischen den Forderungen aus der Bevölkerung und den Verbots-Mandaten des Kaisers. Die Domschule bestand weiterhin, die Klöster beharrten im alten Glauben. Luther war besorgt wegen der unklaren Meldungen aus Goslar: Es war von Bilderstürmerei die Rede, etwa durch Anton Corvin in St. Stephani. So empfing Luther 1529 in Wittenberg eine Delegation, der er schließlich einen bis heute in Goslar erhaltenen Brief an die Gemeinde St. Jakobi mitgab: "Hinfürder helff euch, der bey euch angefangen hat".

Erst der dritte Superintendent von Goslar, Eberhard Weidensee, konnte in den Jahren 1533 – 1547 die Reformation in Goslar einigermaßen festigen. Er war bereits verantwortlich gewesen für die frühen reformatorischen Ansätze in Halberstadt, die in Verfolgungen und Verhaftungen geendet hatten. Nach einem Wittenberg-Aufenthalt war Weidensee zum Reformator in Magdeburg und in Nordschleswig geworden – dort gemeinsam mit dem Goslarer Lehrer Johann Wendt, dem späteren ersten Bischof von Ribe in Dänemark. Weidensee hatte bereits um 1522 in Halberstadt eine kleine Universität im Sinne des Humanismus und der Reformatoren betrieben, zu der es auch Kinder reicher Goslarer "samt ihren Pädagogen" gezogen hatte.

Weidensee war es, der 1535 Luthers Forderung nach guten Buchbeständen in den Städten erfüllte. Er gründete die heute noch bestehende Marktkirchen-Bibliothek Goslar. Grundstock war die Büchersammlung des Halberstädter Klerikers Andreas Gronewalt, der nach und nach ein Anhänger der Reformation geworden war und sogar handschriftliche Einträge von Melanchthon in seinen Büchern hatte. Er überließ im Alter die Bände seinem Freund Weidensee als deutlich wurde, dass in Halberstadt reformatorische Umtriebe weiterhin untersagt blieben. Das Gebäude wurde an die Marktkirche angebaut. Zu den aus Halberstadt gekommenen Werken gehört Luthers erste Ausgabe des Neuen Testamentes, das "Septembertestament" von 1522. Die Bibliothek enthält als Unikat das erste Gemeindegesangbuch überhaupt, das 1524 erschienene "Erfurter Färbefaß-Enchiridion" mit Luthers erstem Lied.

Luther und die Reformation in der Reichsstadt Goslar - eine chronologische Übersicht... 

Helmut Liersch