Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Die Meinung des Papstes ist unbedingt die: Wenn der Ablaß - als das Geringste - mit einer Glocke, einer Prozession und einem Gottesdienst gefeiert wird, sollte das Evangelium - als das Höchste - mit hundert Glocken, hundert Prozessionen und hundert Gottesdiensten gepredigt werden." (55. These)

Panorama

In der Vorbereitung auf das Lutherjubiläum im Jahre 2017 findet die sogeannte Lutherdekade statt. Jedes Jahr steht dabei unter einem anderen Thema. Das Jahr 2013 ist dem Verhältnis von Reformation und Toleranz gewidmet. Der Goslarer Propst Th. Gunkel schreibt dazu einen Artikel, der ursprünglich für die Gemeinde in Goslar Oker gedacht war, wo man sich intensiv um den Dialog zwischen den Christen und den Muslimen bemüht. Wie können wir umgehen mit dem, was den anderen heilig ist? Wie viel Toleranz darf ich einfordern, wie viel muss ich gewähren?

Was ist uns heilig?

Was ist uns heilig? Ein Kirchenvorsteher aus einer Nachbargemeinde bat mich, dazu etwas zu schreiben für ihren Gemeindebrief. Es gehe ihm um die Frage, ob es Standards für den Umgang mit dem gibt, was Menschen heilig ist? Gibt es Grenzen der Kritik, möglicherweise Grenzen des Spotts?

Solche Fragen entstehen nicht am grünen Tisch. Im Jahre 2005 erschienen in einer dänischen Zeitung Karikaturen, später Mohammed-Karikaturen genannt. Eine davon zeigte den Propheten mit einer im Turban versteckten Bombe. Die polemische Botschaft: Wer sich an den Propheten Mohammed hält, macht unter Umständen gemeinsame Sache mit Terroristen. Es gab einen Empörungssturm in der islamischen Welt. Nicht minder empörend aber war, dass manche Reaktionen jedes Maß sprengten – gestürmte Botschaften, Todesopfer. Noch Jahre später sah sich einer der Journalisten der dänischen Zeitung mit dem Tode bedroht. Es hatte Anschläge auf ihn bzw. sein Haus gegeben.

Wie viel Kritik darf also sein? Offenbar hatten die Karikaturen eine imaginäre Linie überschritten, hinter der in der Sicht mancher ein Schutzraum für die Religionen beginnt. Inwieweit besteht ein solcher Schutzraum zurecht?

Einige Jahre später beschloss die Schweiz, also ein Land, das sich westlichen Idealen verpflichtet fühlt, dass dort zwar Moscheen gebaut werden dürfen, nicht aber Minarette. Aber gehört es nicht zum westlichen Wertekanon, Religionsfreiheit zu gewähren? Hierzulande stehen Minarette zwar nicht grundsätzlich auf dem Index, aber meist heißt es, es möge bitte niemand von ihnen zum Gebet rufen.

Sind das Anzeichen religiöser Intoleranz? Wie gehen wir um mit dem, was anderen heilig ist? Nicht nur Muslime, auch Christen beanspruchen mitunter, dass allzu harsche Kritik an Religiösem oder gar die Verhöhnung von Religion untersagt werden müsse. Was ist dazu zu sagen?

Religion und Toleranz

Nachdem die christliche Welt sich lange Zeit äußerst schwer tat, andere Religionen, ja selbst abweichende Bekenntnisse innerhalb der eigenen Religion zuzulassen, trat die Aufklärung auf den Plan. Die Aufklärer forderten Toleranz ein, durchaus im Gegenüber zu den Kirchen. Zunächst war es der englische Philosoph John Locke, der im 17. Jahrhundert für eine gewisse Duldsamkeit gegenüber anderen Konfessionen warb. Dann war es im 18. Jahrhundert der deutsche Dichter und Denker Lessing, der ein Manifest für die Toleranz verfasste. In wissenschaftlichen Dingen mit einem Schreibverbot belegt, weil er bibelkritische Schriften eines anderen Autors herausgegeben hatte, schrieb er kurzerhand ein Theaterstück: Nathan, der Weise. Toleranz hieß nun, dass auch anderen Religionen ein Wahrheitsrecht zugestanden werden muss. Damals lehnten die Kirchen diesen Gedanken noch entrüstet ab. Heute ist der Toleranzgedanke weithin akzeptiert. Daran kommen auch die Kirchen nicht vorbei. Es ist Teil ihres geschichtlichen Erbes, dass man sich etwa im Dreißigjährigen Krieg im Namen der Wahrheit der jeweils eigenen Konfession die Schädel einschlug. Dabei gehörte die Verheißung des göttlichen Friedens für die Welt stets zum Bekenntnis beider Konfessionen. Die aus dieser Diskrepanz resultierende Einsicht lautet: Eine Religion, die sich nicht selbst diskreditieren will, muss Toleranz walten lassen gegenüber denen, die zu anderen Einsichten gelangt sind. Das gilt im Gegenüber zu abweichenden Konfessionen ebenso wie gegenüber anderen Religionen. Und natürlich sind damit auch diejenigen eingeschlossen, die sich gänzlich ablehnend gegenüber allem Religiösen äußern. Dabei meint Toleranz heute sicher mehr als Duldung. Eher geht es um eine Haltung des Respekts, was einschließen kann, dass zumindest Aspekte der Wahrheit bei der anderen, fremden Überzeugung vermutet werden.

Die Grenzen und der Schutz der Toleranz

Einerseits war es das Lessingsche Erbe, andererseits waren es die Lehren aus der barbarischen Verfolgung der Juden während der Hitler-Diktatur, die dazu beitrugen, dass 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte die Religionsfreiheit Aufnahme fand. Die Menschenrechtserklärung betont, dass jeder Mensch das Recht haben müsse, seine Religion – auch öffentlich! – auszuüben, ohne dadurch Nachteile zu erleiden.

Bis zu diesem Punkt der Überlegung widerspricht – zumindest in Europa – selten jemand. Diese Eintracht löst sich aber sehr bald auf, wenn man sich klarmacht, dass die Religionsfreiheit sich auf diejenigen Religionen beziehen muss, die es tatsächlich gibt, zunächst einschließlich ihrer manchmal hochproblematischen Ausprägungen. Kann man tolerant sein gegenüber den religiös Intoleranten? Allzu oft beziehen sich ja gewaltbereite Menschen in ihrem Tun auf ihre heiligen Schriften. Und es gibt nicht wenige Eiferer, die wollen, dass die Rechtssatzungen, die sie in ihren religiösen Urkunden zu finden meinen, allgemeine Geltung verschafft werde. Heißt das nicht, dass der Schutzraum für die Religionen auf jene von ihren Ausprägungen eingeschränkt werden muss, die sich bestimmten ethischen Standards unterwerfen? Diejenigen, die Kritik an ihrer Religion oder den religiösen Institutionen nicht zulassen wollen, würden den Anspruch auf Toleranz ihnen gegenüber unter Umständen einbüßen, jedenfalls dann, wenn sie ihrer Meinung mit repressiven oder gar gewalttätigen Mitteln Ausdruck verleihen. Inhaltlich wäre das dann nicht sehr weit entfernt von Lessing, der meinte, die Wahrheit einer Religion werde sich an deren ethischer Praxis erweisen, nur mit dem Unterschied, dass es hier nicht um die Wahrheit der anderen religiösen Überzeugung ginge, sondern nur um den Anspruch auf Toleranz ihr gegenüber.

Um die Grenzen der Toleranz zu bestimmen, bedarf es aber keines Religions-TÜVs, der gleichsam gute von schlechter Religion unterscheidet. Es reicht, wenn der Staat für sich das Gewaltmonopol  sichert, die religiös begründete Benachteiligung von Menschen ausschließt, sowie Meinungsfreiheit einräumt und sie schützt.

Die Bindung an die eigenen Prinzipien

Häufig hört man: „Wir würden den Bau von Moscheen bei uns ja zulassen wollen, wenn gleichzeitig in der Türkei oder anderen muslimischen Staaten der Bau von Kirchen erlaubt würde.“ Aber der Gedanke ist ethisch kaum zu rechtfertigen. Zu Ende gedacht hieße das: Solange die anderen etwas tun, was falsch ist (den Bau von Sakralbauten verbieten), darf ich auch etwas Falsches tun. Etwas tun dürfen, bedeutet aber, das Richtige zu tun. Also darf ich nichts tun, was ich als falsch erkannt habe. Der Philosoph Immanuel Kant war sich sicher, eine einmal als richtig erkannte Verhaltensweise müsse immer und unter allen Umständen befolgt werden. Wenn ich es also gut nenne, nicht zu lügen, dann darf ich es niemals tun, auch dann nicht, wenn andere mit dem Lügen angefangen haben. Kants Haltung mag zu rigoristisch sein; sie wehrt aber einer Negativspirale, in der letztlich alles gerechtfertigt werden kann, wenn nur die anderen mit dem Übel angefangen haben. Also: Wenn die anderen etwas tun, was kritikwürdig erscheint, bedeutet das für meine Verhaltensmöglichkeiten gar nichts. Als Adam von Gott gefragt wurde, warum er von der verbotenen Frucht gegessen habe, antwortete der sinngemäß: „Eva hat es doch auch getan“. Aber die Ausrede zählt nicht.

Für das konkrete Beispiel des Baus von Gotteshäusern heißt das: Wir müssen den Bau von Moscheen auch dann zulassen, wenn andere den Bau von Kirchen verweigern. Wir sind das uns und unseren Prinzipien schuldig.

Christliche Ethik ist Selbstverpflichtung, nicht die Verpflichtung anderer

Christen und Christinnen müssen sich weder gegen Kritik an ihnen oder ihrer Kirche verwahren, noch gegen möglichen Spott zu ihren Lasten. Sicher, mancher Kabarettist oder „Comedian“, der sich einen beifallheischenden Witz zulasten der Kirchen oder des Glaubens gestattet, stellt eine Geduldsprobe dar. Für mich ist das besonders dann der Fall, wenn Unkenntnis im Spiel ist. Oft trifft der Spott äußerst naive Glaubensvorstellungen, denen die meisten Christen und Christinnen gar nicht anhängen, mit denen sie aber gleichwohl identifiziert werden. Wer hier aber vorschnell Tabus verhängen will, nährt eher den Verdacht, die Argumente reichten nicht zur Verteidigung.

Schon in den Anfängen wurde offenbar über den christlichen Glauben gespottet. Der Apostel Paulus sagt über die Botschaft von der Auferstehung Jesu, sie sei den Griechen, also den sich aufgeklärt wähnenden Anhängern der hellenistischen Kultur, als „Torheit“ erschienen. Kurz: Sie hielten die Osterbotschaft für dummes Zeug. Und wenn Paulus im Römerbrief betont, er schäme sich des Evangeliums nicht, also der Botschaft von Jesus Christus, so setzt das ja voraus, dass andere der Meinung waren, für eine solche Botschaft müsse man sich schämen. Es ist ein Leichtes, darüber zu spotten, wenn Menschen eine neue und ganz andere Welt erwarten und erhoffen als die, die wir kennen. Und es braucht keinen großen Mut, um zu betonen, dass der Tod noch immer den Sieg über das Leben davongetragen habe. Dagegen wirkt die christliche Sichtweise gewagt – und für manchen lächerlich - , dass Gott das Leben über den Tod siegen lässt. Wer also spotten will, der tue das!  Es gehört zur Praxis Jesu, dass er die Rechte anderer vehement verteidigt, aber diese Rechte für sich selbst nicht in Anspruch nimmt. Entsprechend gilt  für die Nachfolge Jesu, die gleiche Unterscheidung zu treffen: Geht es um die anderen oder um mich? Die Rechte anderer sind zu verteidigen. Meine nicht.

Es geht dabei nicht um Lust am Leiden. Ausgerechnet ein Hindu, Mahatma Gandhi, war es, der die subversive, den Gegner ändernde Kraft darin entdeckt hat, Unrecht verteidigungslos hinzunehmen. Ihm ging es darum, die Kolonialmacht, die Indien niederhielt, zu bezwingen. Als wirksamstes Mittel dabei entdeckte er die Praxis Jesu: Halte Unrecht aus! Je konsequenter du das tust, desto sichtbarer wird das Unrecht werden. Und desto mehr wird der, der das Unrecht tut, moralisch geschwächt und überwunden.

Heilig ist, was zu Gott gehört

Was ist uns heilig? Das war die Ausgangsfrage. Heilig heißt: es gehört zu Gott. Wie viel oder wie wenig in der Welt als heilig gelten kann, hängt von der Betrachtungsweise ab. Insofern die Welt erfolgreich darin ist, sich Gott zu entziehen, ist ziemlich wenig in ihr heilig. Insofern Gott die Welt dennoch nicht im Stich lässt, ist es ziemlich viel. In diesem Sinne spricht das Glaubensbekenntnis von der Gemeinschaft der Heiligen. Wir sind Heilige, weil Gottes Nähe zu uns uns heiligt. Diese Nähe erfahren wir in Jesus Christus, Gottes Sohn. Denn in ihm erfahren wir Gottes Liebe.

Wem es also die Zornesröte ins Gesicht treibt, dass den anderen mal wieder nichts heilig ist, der kann sich sicher sein, dass er allerlei verteidigt – nur nicht das, was Gott heilig nennen würde.

Thomas Gunkel, Propst der Propstei Goslar