Die 95 Thesen von Martin Luther:
"Aber wer gegen die Zügellosigkeit und Frechheit der Worte der Ablaßprediger auftritt, der sei gesegnet." (72. These)

Mit dem Begriff Ablasshandel bezeichnet man den Verkauf von sogenannten Ablassbriefen, in denen dem Erwerber der vollständige oder teilweise Erlass von „zeitlichen Sündenstrafen“ zugesagt wurde. Damit konnten bestimmte Bußleistungen gemeint sein, die einem Sünder nach erfolgter Beichte auferlegt worden waren. Denn obwohl die Beichte auf Vergebung zielte, meinte man doch, dass die Folgen der Sünden gesühnt werden müssten – eben durch Sündenstrafen. Im späten Mittelalter und der Renaissance rückte die Idee des Fegefeuers in den Vordergrund. Es zählte ebenfalls zu den zeitlichen Sündenstrafen und diente einer qualvollen Reinigung der Seele, bedeutete also gerade nicht ewige Verdammnis, sondern den – angeblich notwendigen – Übergang in den Himmel. Die beträchtliche Angst der Menschen vor dem Fegefeuer führte dazu, dass man nach einem Erlass dieser Strafen gierte. Das begünstigte den Missbrauch des Ablassgedankens, indem ein schwunghafter Handel mit den Ablasszetteln eingerichtet wurde.

Der wohl bekannteste Ablassprediger der Reformationszeit war Johann Tetzel, der überwiegend im Bereich des Bistums Magdeburg und Halberstadt wirkte. Ihm wird der – ins Hochdeutsche übertragene – Satz „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ zugeschrieben. Die Einnahmen der von ihm verkauften Ablassbriefe dienten dem Bau des Petersdoms in Rom sowie dem kirchenrechtlich eigentlich ausgeschlossenen Erwerb eines zweiten Bistums durch den Magdeburger Erzbischof Albrecht von Brandenburg. Durch den faktisch erkauften Dispens des Papstes erwarb Albrecht das politisch bedeutsame Amt des Kardinals von Mainz.

Martin Luther störte sich neben der offensichtlichen Ausplünderung der Menschen daran, dass im Zuge des Ablasshandels der ursprünglich zur Ablassidee gehörende Gedanke der Reue immer mehr in den Hintergrund trat. Die Leute meinten, getrost sündigen zu dürfen, weil sie sich von den damit verbundenen Strafen freikaufen konnten – eine Verkehrung der ursprünglichen Absicht des Ablasses. In den 95 Thesen Martin Luthers gegen den Ablasshandel wird darüber hinausgehend aber auch die Ablassidee also solche infrage gestellt. Sie setzt ein Gottesbild voraus, dass Gott als Richter denkt. Der wägt, wie die mit einer Waage ausgestattete Justitia, die Sünden der Menschen gegen deren „gute Werke“ ab. Zu den „guten Werken“ zählten neben hilfreichen Taten fromme Leistungen wie Gebete, Pilgerfahrten und Reliquienverehrung. Aber auch die erworbenen Ablassbriefe sollten mit ins Gewicht fallen, denn im Gegenzug zu dem eingenommenen Geld teilte die katholische Kirche aus einer virtuellen, himmlischen Schatztruhe dem Käufer eines Ablassbriefes gute Werke der Heiligen zu. So sollte die individuelle Lebensbilanz wieder ins Lot kommen und das Fegefeuer abgewendet werden.

Luther hielt von all dem nichts, und das nicht nur, weil die Idee gleichsam ausgeliehener guter Werke den Gedanken an Gott als einem gerechten Richter eher unterlief als ihn zu befördern. Maßgeblich wurde für Luther, dass sich sein Gottesbild verändert hatte. Anfänglich hielt auch Luther Gott für einen strengen Richter. Durch die sogenannte „reformatorische Entdeckung“, einen Vers aus dem Römerbrief des Apostels Paulus, kam er zu der Überzeugung, dass „gute Werke“ für das Verhältnis zwischen Mensch und Gott bzw. zwischen Gott und Mensch bedeutungslos seien. Denn die Liebe Gottes verdient sich der Mensch nicht – er bekommt sie geschenkt. An die Stelle des strengen Richter trat das Bild eines Gottes, der – liebenden Eltern gleich – seinen Kindern auch dann die Treue hält, wenn sie sich falsch verhalten haben. Im Glauben, im Vertrauen auf Gott, werde der Mensch, so Luther im Anschluss an Paulus, der Liebe Gottes gewahr und teilhaftig. Und er war der Meinung, die guten Werke ergäben sich dann fast von alleine.